Fokusiert
Zu Beginn des Jahres möchte ich den Fokus auf ein paar Zahlen richten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben aber vielleicht gerade deswegen unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Weil es gerade so schön aktuell ist starten wir mit dem Silvesterfeuerwerk. Laut einen Bericht der Tagesschau stieg der Umsatz mit den Böllern 2024 auf 197 mio Euro - 2023 waren es 180 mio Euro. Für dieses Silvester ist das Angebot nochmals stark gestiegen und man rechnet mit weiteren Umsatzsteigerungen. Wieviel tatsächlich verkauft wurde wissen wir noch nicht, ich gehe aber davon aus, dass der Umsatz deutlich über 200 mio Euro liegen wird. Nun mag man zur Sinnhaftigkeit der Silvesterknallerei stehen wie man will, fest steht aber, dass Investitionen in Böller verzichtbarer Luxus sind. Wenn man sparen will, könnte man hier ansetzen. Weniger Feuerwerk würde übrigens nicht nur die persönlichen Geldbeutel entlasten, sondern auch die des Staates und der Versicherungen - also die der Steuer- und Beitragszahler - also doch den persönlichen. Schon allein die zusätzlichen Einsätze der Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte kosten eine ordentliche Stange Geld. Ganz zu schweigen vom Dreck der hinterlassen wird und die Schäden für die Umwelt.
Auch die Bundesregierung will sparen und hat daher mit viel Feuerwerk angekündigt, dass Bürgergeld zu refomieren. Ab 2026 soll es Grundsicherung heißen und wartet vor allem mit mehr Sanktionen und Kürzungen auf. Dabei geht es natürlich um viel Geld: Und zwar um rund 275 mio Euro, die dem Steuerzahler aus der Tasche gezogen werden - und zwar durch Leistungsmissbrauch. Da allerdings das Problem des sogenannten „ Totalverweigerers “ sowieso künstlich hochgespielt wurde und die neuen Regelungen auch viele neue Probleme schaffen, ist fraglich ob unterm Strich tatsächlich etwas gespart werden kann. Aber gut, die Regierung lässt sich auf den Druck von rechts ein und fokusiert sich auf Einsparungen, die der Teil der Bevölkerung leisten soll, der am wenigsten hat. Das betrifft auch 1,8 mio Kinder .
Die dritte Zahl die ich auflisten möchte hat mit den beiden anderen nicht zu tun, ist aber ungleich größer. Unserem Land entgeht pro Jahr durch Steuerhinterziehung und Steuervermeidung ein geschätzer Betrag von 50 bis 200 Milliarden Euro. Der Schaden, der hier vor liegt ist also 180 bis 725 mal größer als alles was beim Bürgergeld eingespart werden kann. Es könnte sich also lohnen den Fokus eher darauf zu lenken. Das würde sogar drei Fliegen mit einer Klappe schlagen:
Zum ersten sollte man die chronisch unterbesetzen Finanzämter mit Personal aufstocken, dann könnte wieder mehr (Betriebs-) Prüfungen durchgeführt und Betrüger entlarvt werden. Das sorgt für neue Jobs am Arbeitsmarkt (erste Fliege). Zweitens sollte die Vermögenssteuer wieder eingesetzt und die Erbschaftssteuer von den schlimmsten Entlastungen für große Vermögen befreit werden. Das wäre ein Schritt in die Richtung Steuerdumping für Reiche zu beenden und für mehr Steuergerechtigkeit zu sorgen (zweite Fliege) und den rechten Strömungen den Wind aus den Segeln nehmen. Schließlich würden die 50 bis 200 Milliarden Euro zusätzliches Einkommen dem Staat und damit dem Bürgern zu Gute kommen. Wir könnten damit ein ordentliches Bürgergeld finanzieren und auf Gängeleien verzichten, wahrscheinlich hätten wir am Ende sogar noch Geld für ein großes Feuerwerk übrig. Dazu müssen wir einfach nur fokusiert bleiben und dürfen uns nicht von populistischem Geschwätz ablenken lassen.
Weihnachtsmärchen vom Tellerwäscher
Wer kennt sie nicht: die Geschichte des fleißigen Menschen der sich vom Tellerwäscher zum Millionär hochgearbeitet hat. Hinter diesem Märchen steckt das Versprechen, dass es in unserer Gesellschaft jeder schaffen kann - man muss sich nur ein bisschen anstrengen, intelligent und geschickt sein und gute Ideen haben. Der Artikel im Postillion vom 19. Dezember nimmt das auf die Schippe und zeigt, dass jeder reich werden kann - man muss nur ein paar Millionen erben.
Und in der Tat, unsere Gesellschaft ist nicht so durchlässig, wie sie sein sollte. Tatsächlich haben rund 35% der Millionäre Deutschland ihr Vermögen einfach nur geerbt - siehe auch Fluter Heft 64 . Kinder, die wohlhabenden Familien entstammen haben es im Leben einfach leichter. Denn selbst, wenn die Türen der Gymnasien und Universitäten theoretische jedem offen stehen, tummeln sich dort vor allem Kinder von Akademikern. Damit ist der Klassenerhalt vorprogrammiert, denn die wirklich guten Jobs bekommt man nur mit der entsprechenden Ausbildung. Aber selbst als Klassenbester ist es fast unmöglich einen begehrten Job ganz oben auf der Karriereleiter zu bekommen. Einfacher wird das, wenn der Papa oder Onkel als Millionär bereits in diesem Kreisen verkehrt und den eigenen Nachwuchs einführen kann. Wer das Leben in einem guten Haus beginnt startet mit einem großen Vorsprung, der fast nicht einzuohlen ist.
Ich wünsche mir daher zu Weihnachten, dass unsere Gesellschaft durchlässiger wird und die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär kein Weihnachtsmärchen bleibt. Frohe Weihnachten!
Modern Stalking
Nun, gerade als Entwickler und Unternehmer kann ich sehr gut nachvollziehen, wie wertvoll es ist ein paar Informationen über die Besucher der eigenen Webseite oder die Nutzer einer App zu sammeln. Diese können fundierte Antworten auf Fragen wie „Wieviele Nutzer gibt es?“, „Welche Bereiche werden genutzt und welche nicht?“ und „Wirkt unsere Werbung?“ liefern und damit wiederum die Grundlagen für die Entscheidung Feature A statt Feature B zu entwicklen liefern.
Da heutezutage sowie alles online passiert, ist es nicht weiter schwierig solche Informationen zu sammeln - in den meisten Fällen sind dies eh Abfallprodukte, die nur aus den Logdateien herauszusuchen sind. So habe ich beispielsweise eine Sprachlern-App genutzt und jeden Tag meine Lektionen gemacht. Die Lektionen wurden dabei jeweils vom Server heruntergeladen und am Ende meine Punktzahl übermittelt. Der Anbieter der App wusste also automatisch, wie fleißig ich war, wo ich Fehler gemacht hatte, was mir leicht und was mir schwer fiel, wann ich die Lektionen gemacht hatte und so einiges mehr. Diese Daten bekommt der Anbieter automatisch, einfach dadurch, dass die App (oder Webseite oder was auch immer) genutzt wird. Wie gesagt, das sind wertvolle Informationen.
Aber was will man denn noch wissen? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich gesehen habe welche zusätzlichen Tracking-Dienste die Sprachlern-App nutzt. Ich muss gestehen, dass ich erst darauf aufmerksam wurde als mir mein Smartphone mitteilte, dass Daten an verschiedene Tracking-API von Drittherstellern gesendet werden. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: eine Sprachlern-App sendet Daten an mehrere Tracking-APIs und natürlich auch an die eigenen Server. Absurd finde ich auch, dass die App meines Mobilfunkanbieters ebenfalls mehrere Tracking-APIs nutzt - Dabei bin ich doch sowieso durch meine SIM-Karte ständig mit den nächsten Funkmasten verbunden und mache mich schon allein dadurch zum gläsernen Menschen.
Da Frage ich mich doch: Warum machen die das? Das diese Tracking-API-Daten überhaupt einen Mehrwert haben, wage ich zu bezweifeln. Bekommen die Geld dafür? Welchem Zwecke dient dieser Datensammelwahn? Wertet die Daten irgendjemand aus? Was machen die Tracking-API-Firmen mit den Daten? Wie sieht es mit der DSGVO aus? Was ist mit dem Gebot der Datensparsamkeit? Tatsächlich würde es mich nicht wundern, wenn sich darum niemand schert. Aber ich finde dass dieses Stalking aufhören muss und wir deshalb diejenigen stärken sollten, die sich für Datenschutz einsetzen.
P.S. Es gibt natürlich auch einen Song „Modern Stalking“ von Marsimoto
Dark Office: 14.000 Bürojobs fallen weg
Seit Beginn der Industrialierung wurde es immer wichtiger effizient zu arbeiten: die Produktivität zu steigern und die Kosten zu senken. Bereits in den ersten Fabriken wurden Maschinen eingesetzt, damit schwere Arbeiten, die von Männern erledigt werden mussten, von Frauen - die billiger waren - und dann von Kindern - die noch billiger waren - übernommen werden konnten. In modernen Produktionshallen haben Roboter viele Arbeiten komplett übernommen. Arbeiten die gefährlich, gesundheitschädlich oder einfach nur langweilig sind. Aber auch Tätigkeiten, für die Menschen nicht präzise und stark genug sind - also mehr Pausen benötigen oder langsamer sind. Sogenannte Dark Factories, in denen kein Licht brennt, weil dort nur noch Roboter und Automaten arbeiten sind Realität geworden.
Traditionell fand die Automatisierung in den Werkshallen statt. Mit Computern und dem Internet hat die Automatisierung aber längst auch die Büros erobert. Gerade im letzten Jahrzehnt wurde in der Verwaltung massiv an der Effizienzschraube gedreht und die Produktivität gesteigert. Was heutzutage eine Person alleine bewältigt (oder bewältigen muss), war früher die Arbeit eines ganzen Teams. Das bedeutet natürlich auch Entlassungen, wie die, die heute in den Nachrichten die Runde machten: Amazon will 14.000 Stellen in der Verwaltung streichen . Teilweise wird der Stellenabbau mit Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz von KI begründert - sprich: Automatisierung.
Schaut man sich um, sind wir vom Dark Office gar nicht mehr so weit entfernt. Wir Kunden haben uns längst daran gewöhnt mit Webshops und Selbstbedienungsterminals zu interagieren. Es hat ja auch große Vorteile, wenn man Dinge online erledigen kann: Wir suchen Produkte, stöbern in Katalogen, finden den billigsten Anbieter, bestellen, bezahlen, lassen liefern und schicken die Retoure zurück ohne auch nur mit einzigen Menschen Kontakt zu haben. Das ist bequem, spart Zeit und ist für die Unternehmen natürlich um ein vielfaches billiger als teures Fachpersonal einzustellen - Menschen, die nur acht Stunden am Tag arbeiten, am Wochenende frei haben, Urlaub machen, sogar manchmal krank sind und auch noch was vergessen können.
Die Automatisierung aufhalten zu wollen ist utopisch. Das will ich auch gar nicht. Ich profitiere ja selbst gewaltig davon und entwickle (programmiere) für meine Kunden Automatisierungslösungen (ob mit oder ohne KI), ich habe sogar eine Plattform ins Leben gerufen die Enthusiasten , die Workshops anbieten das Leben erleichtert - durch Automatisierung (der Büroarbeit): Zenopia . Ich bin also kein Feind der Automatisierung - im Gegenteil. Traurig finde ich aber, dass die Automatisierung nicht hält was sie verspricht. Anstatt aufgrund unserer enormen Produktivitität weniger zu Arbeiten, wird einfach immer mehr produziert und wir sollen immer mehr konsumieren. Dabei werden die Dinge immer billiger und der Preis den wir dafür zahlen immer höher. Vielleicht kommt nach dem Dark Office die Dark Earth.
Mittmachzwang
Sicher haben wir alle schonmal Bilder mit Freunden ausgetauscht. Dank diverser Cloud-Dienste oder NextCloud und der Allgegenwärtigkeit des Internets geht das einfach und schnell: Man bekommt einen Link und schon kann man Dateien hoch- und runterladen. Ein Kinderspiel.
Neulich habe ich wieder so einen Link bekommen. Diesesmal mit einer OneDrive-URL. OneDrive ist ein Cloud-Dienst von Microsoft. Zuerst sah alles ganz normal aus, nur dass ich die wichtigste Funktion nicht finden konnte. Es gibt einfach keinen Knopf für „alles herunterladen“. Stattdessen werden mir alle möglichen tollen Funktionen angeboten und um diese nutzen zu können, muss ich mich zunächst mit meinem Microsoft-Konto anmelden.
Nur, ich habe kein Microsoft-Konto. Ich will auch gar keines. Aber hier zwingt man mich mitzumachen. In diesem Fall werde ich das nicht tun und im Zweifel auf die Bilder verzichten. Aber viele andere Menschen tun das tagtäglich und werden so immer enger an die großen Tech-Konzerne gebunden. Denn inzwischen sind sie es, die sich das Internet zu eigen gemacht haben. Ich denke es wird Zeit darüber nachzudenken und die Welt, oder wenigstens das Internet, zurück erobern.
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